_ Tanz aus Berlin

von Frank Schmid
Freier Tanz- und Theaterkritiker


Am aufregendsten ist ein Tanzabend, wenn ich nichts verstehe, wenn ich auch nichts verstehen will. Sagt ein Freund, professioneller Tanzgänger wie auch der zweite, der weniger körperlich-sensorisch reagiert, sondern analytisch vorgeht. Dieser sucht nach dem Prinzip, nach dem Wesen der Bewegungen, fixiert die Tänzer. Absolut konzentriert, regungslos sitzt er da, während der erste zappelt, schnauft und ächzt. Die beiden setzen sich immer möglichst weit auseinander. Ein dritter Zuschauer ist Spieler. Er liebt es, wenn im Tanz Konzepte "diskutiert" werden. Das Spiel als solches interessiert ihn, das Verwischen systemischer Grenzen bis hin zu ihrer Auflösung. Alle drei wollen wohl verstehen oder verstehen lernen, wie die Welt so funktioniert. Alle drei hatten in den letzten Jahren viel Lust und Frust in der Berliner Szene. Nur der vierte, ein Liebhaber der schönen Bewegung, der im Tanz erzählte Geschichten schätzt, der sich als Ästhet versteht und dem Theorie, Konzept und performance nichts bedeuten, nur dieser vierte Zuschauer wirkte in den letzten fünf bis sechs Jahren eher frustriert als angeregt.

Kein Wunder, hat sich doch der zeitgenössische Tanz Berliner Prägung einer Intellektualisierung gewidmet, der Körper-Konzepte und Subjekt-Theorien, Fragen der Wahrnehmungs- und Kommunikationspsychologie, Interaktionen mit Bildender Kunst, Architektur und Neuen Medien wichtiger sind als z.B. die Geschichte einer Liebe zu erzählen. Es scheint fast, als würde sich das Tanzpublikum und vor ihm die Künstlerschar in wenigstens zwei sich fremd beäugende Gruppen aufspalten. Eine Entwicklung, die wir zu grossen Teilen dem immensen Erfolg des Internationalen Tanzfestes Berlin "Tanz im August" zu verdanken haben. Die Zuschauermassen strömen in die Opernhäuser zu Jiri Kyli·n, Twyla Tharp, Merce Cunningham, gern auch zu Pina Bausch oder dem Cloud Gate Dance Theatre - die Liste wäre lang, sollte sie vollständig sein. Im Theater am Halleschen Ufer, im Podewil, in den Sophiensaelen und auch in der Tanzfabrik oder im Pfefferberg verliert zu Festivalzeiten das Publikum wunderbarerweise seine Grenzen, um sich im Alltag wieder in Szenegänger und Zaungäste aufzuspalten. Ist es erst 5 Jahre her, dass bei der Pressekonferenz zum "Tanz im August" die fünf immergleichen KritikerInnen einem stärker besetzten Podium gegenüber sassen? Der zeitgenössische Tanz in Berlin hat in der Wahrnehmung der Medien und des Publikums einen fast sensationellen Qualitäts- und Quantitätssprung gemacht. Noch vor fünf Jahren fragten Redaktionskollegen irritiert: Worüber willst Du berichten, Tanz im August? Heute könnte man mit ihren Kartenwünschen ein ganzes Theater füllen. Woher diese neu oder wiederentdeckte Liebe, diese Neugier? Greift der Tanz besser als Schauspiel oder Fernsehen ein Zeitgefühl auf, und welchen Nerv treffen die Künstler mit ihren ureigenen Suchergebnissen? Wir leben wohl wirklich in verstörten Zeiten. Ideologien und Utopien sind futsch, Moral ist universell nicht mehr begründbar, Schein und Sein der Massenmedien reproduzieren die immergleiche verlogene Sauce, das Virtualitätsgebot der Neuen Medien raubt uns die letzte Gewissheit körperlicher wie geistiger Einheit. Die Wissenschaft hat unseren Körper in austauschbare Einzelteile zerlegt, die neuen Technologien haben uns uns selbst entfremdet, wie es die frühen Soziologen nicht vorauszuahnen gewagt hätten. Der im Alltagsbewusstsein fest verankerte Determinismus behauptet, jede Wirkung auf eine Ursache zurückführen zu können und nimmt uns mit seinem radikalen Kontrollsinn jedes Geheimnis, jede Überraschung. Und die Idee der Objektivität trennt nicht nur den Beobachter von seinem Objekt. Auch sie begründet unser Gefühl von Isolation und innerer Spaltung. Ganzheitliche Ansätze, Spiritualität, religiöse Erlösungsbegründungen, seien es gnostische Seelenfunken, christliche Mitleidsethik oder singende, sich liebende hinduistische Götter können vom terroristischen Standpunkt unserer aufgeklärten Vernunft nur noch mit Skepsis interpretiert werden. Alles das, was scheinbar ohne Ursache ist, das sich Erklärungen entzieht und hinausweist über die Begrenztheit unseres Weltverständnisses schüttelt nur noch trotzig seine schönen wirren Locken und behauptet standhaft, es sei im Hier und Jetzt.

Und siehe da: all das und noch sehr viel mehr finden wir im Tanz von Anna Huber und Xavier Le Roy, von Rubato, Helge Musial, Felix Ruckert, Ingo Reulecke, Jo Fabian und Thomas Lehmen, um nur einige der "Berliner" stellvertretend zu nennen. Wir sollten ihnen allen - ein klein wenig sentimental - danken, dass sie widrigen Umständen zum Trotz an unseren Existenzformen herumforschen, dass sie nicht gelten lassen, was sicher scheint. Nur komisch, dass bei allem von der Kulturpolitik immer behaupteten Interesse am zeitgenössischen Tanz diesem seine Anerkennung noch immer verweigert wird. Sicher erlebt die Berliner Kulturlandschaft insgesamt harte Zeiten, sicher sind die Kassen der Stadt leer, sicher wissen die Intendanten der Opern- und Theaterhäuser nicht, wie sie angesichts der zurückliegenden und noch auf sie zukommenden Etatkürzungen Bestand und Qualität ihrer Arbeit sichern sollen. Aber der Blick in die Fördertöpfe und auf das Verfahren bei der Weitergabe der Gelder windet sich in Frustration. Nicht allein, dass die Zahl der geförderten freien Gruppen noch immer zu gering ist. Nicht allein, dass die glücklichen Geförderten aufgrund diverser Haushaltssperren beinahe jedes Jahr monatelang nicht arbeiten können, es sei denn, sie zahlen aus eigener Tasche vor und verzichten königlich auf Rückerstattung. Nicht allein, dass das Theater am Halleschen Ufer als zentrale Spielstätte der Freien Gruppen - seit wie vielen Jahren eigentlich? - vergeblich eigene Produktionsmittel einklagt und das nur, um dem Haus ein klareres Profil zu geben oder Gruppen aus Krisen, Anfängern über die erste Schwelle zu helfen. Nicht allein, dass die TanzWerkstatt unterfinanziert ist wie die denkbar traditionsreiche und stilprägende Tanzfabrik, dass der "Tanz im August" jedes Jahr aufs Neue finanziell nicht gesichert ist. Nein, auch das Berlin Ballett harrt noch immer seiner Gründung, von einem Tanzhaus Berlin wagt auch kaum mehr einer zu sprechen. Die lähmende Wirkung jahrelanger fruchtloser Diskussionen um Berlin Ballett und Tanzhaus darf als wesentlicher Bestandteil der Grundsituation, aus der heraus Tanz entsteht, nicht unterschätzt werden.

Angesichts dieser Umstände wundert es, dass Tanz aus Berlin international gefragt ist, wie lange nicht. Dass bei der letzten Tanzplattform in Hamburg mehr als die Hälfte der teilnehmenden Gruppen aus Berlin kam, dass das Springdance-Festival nächstes Jahr einen Berlin-Schwerpunkt hat, dass immer mehr Zuzügler aus dem Bundesgebiet und aus dem Ausland nach Berlin kommen und dafür - wie labor G. Ras - sogar auf eine gesicherte Finanzierung verzichten.

Was wurde in den letzten Jahren vom "Standortfaktor Kultur" geredet. Selbst diejenigen, die mit berechtigtem Misstrauen auf die marktwirtschaftliche Verwertung von Kunst schauen, dürften sich wünschen, dass der Standortfaktor Kultur nicht nur für Werbezwecke nach aussen sondern für Strukturreformen, für gesicherte Finanzierung oder für Innovationen bei Förderungsmodellen, also nach innen, wirksam wird. Wenigstens eine klarere Profilierung der Spielorte, ein noch breiteres und in seinen Spitzenleistungen auch international erfolgreicheres Tanz-Spektrum wären ein erster Lohn. Was der Zeitgenössische Tanz sozial und individuell bewirken kann, wurde bereits angerissen. Auch eine sich gerade im Gründungsprozess befindende "Dachorganisation für Zeitgenössischen Tanz Berlin" als Interessenvertretung könnte hier im Sinne einer Vernetzung von Veranstaltern und Gruppen und im Sinne einer gebündelten Lobbyarbeit einiges bewirken.

"Steckt der zeitgenössische Tanz aus Berlin in einer kreativen Krise?", fragte letztes Jahr eine Kollegin in öffentlicher Runde. Sie hatte vermutlich die Konzentration der Berliner Tanzszene auf konzeptionelle Ansätze, auf Performances und kurze Solo-Stücke im Sinn. Nun fehlt uns Hauptstädtern ja generell der Blick über die eigene Stadtgrenze hinaus, wir nehmen uns immer furchtbar wichtig, was sicher genetisch bedingt ist oder an der Berliner Luft liegt. Jedoch ist die Frage absolut berechtigt, wird allerdings je nach Perspektive, nach Erfahrung und Disziplin bei der Beobachtung der Szene verschiedene Antworten finden. Grosse Gruppenchoreographien sind selten geworden in letzter Zeit, sie wären auch viel zu teuer. Aber neben dem finanziellen Aspekt hat sich das Interesse der Tanzszene tatsächlich in Richtung Solo und Performance ausdifferenziert. Vielleicht, weil sich in dieser intimeren Kunstform das Interesse an Körper-Theorie und Identitätsproblematik konzentrierter ausdrücken lässt. In vielen Berliner Arbeiten wird der Tänzerkörper als in seine Teile zerlegter ausgestellt. Oft sehen wir, wie physische und psychische Repräsentationen hinterfragt werden. Oft wird der Körper als ein durch soziale und individuelle Konzepte beschriebener und damit festgelegter vorgeführt und wir sehen, wie diese Schrift abgetragen, manchmal eher abgemeisselt wird. Ist diese Inspektion des Körpers als Objekt Ausdruck einer neuen Innerlichkeit, die soziale Wirkungen etwas vernachlässigt? Und ist diese Innerlichkeit eine Reaktion auf die extreme Beschleunigung, die alle Lebensbereiche unserer Gesellschaft erfasst hat? Ist sie Reaktion auf die rasanten gesellschaftlichen Umwälzungen in Deutschland nach 1989, deren Folgen man in diesem sich ständig um und umwälzenden Berlin täglich auf der Strasse, in der U-Bahn erleben kann? Findet also dieser tiefgehende, schwerwiegende Umbruch als ein sozialer, aber individuell erlebter Prozess seinen Niederschlag in der Performance, im Vorzeigen der verlorenen Einheit von Körper und Seele in Tanzstücken, die oft sogar so weit gehen, die Struktur der Choreographie offenzulegen, ohne den Wunsch, das Skelett mit Fleisch zu bestücken? Bei einigen Berliner Produktionen der letzten Jahre hatte man tatsächlich den Eindruck, dass letztlich unbefriedigende Zustandsbeschreibungen schon höchster Gipfelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Themen unserer Zeit waren. Dass als Idee für eine Choreographie schon ausreichen soll, verschiedene Manifestationen eines jeweiligen Subjekts und mit ihnen die Quellen des Selbst vorzuzeigen. Fragmentarisierung des Körpers, das Vorzeigen eines vielfach zersplitterten Ichs waren oft zugleich Ansatz- und Schlusspunkt einer Arbeit. Und dann lässt Helge Musial in "cuts + slices. bodykind" im Tacheles in neoromantischer Art seine Tänzer nach körperlicher Berührung, nach Gemeinsamkeit, nach Sinnlichkeit und Gefühl suchen. Nach der Errettung des Einzelnen in der Gruppe, nicht in weiter zugespitzter einsamer Ausdifferenzierung der eigenen Persönlichkeit. Und Thomas Lehmen präsentiert in "distanzlos" Bruchstücke seiner Ideenwelt, seines Zettelkastens, zeigt sein Denken und seine Sehnsüchte, macht sich also transparent, öffnet sich und sucht Kontakt. Anna Huber begibt sich bei aller versachlichten, perfektionistischen und strengen Abstraktion ihrer Körper-Architektur in "L'Autre et moi" auf die Suche nach ihrem Partner Lin Yuan Shang. Kulturelle Differenzen, grosse Unterschiede in beruflicher Erfahrung wie ästhetischen Konzepten scheinen hier kein Hinderungsgrund für die Recherche nach von alldem unabhängigen Gemeinsamkeiten zu sein. Jo Fabian entdeckt in "Steinberg. Born to be wild" das Geschichtenerzählen wieder. Es ist zwar eine fiktive, dafür aber eine extrem politische Geschichte, die sogar Elemente biographischen Erzählens enthält. Und das Berliner Aushängeschild Sasha Waltz erfindet sich mit jedem ihrer Stücke neu. Man versuche die Travalogue-Trilogie oder "Allee der Kosmonauten" mit "Körper" zusammen zu denken, was nur retrospektiv, in chronologischer Perspektive über die "Körper"-Zwischenschritte in den Sophiensaelen oder im Jüdischen Museum gelingen könnte.

Vielgestaltig ist er also, der Berliner Tanz, bei aller Masse. Die vermutete kreative Krise ist wohl doch eher eine strukturelle. Oder? Bleibt nun abzuwarten, wann und ob die neuen technologischen Möglichkeiten, wann body-capture-Technik, wann die Cyber-Tänzer des Computersystems Life Forms, wann virtuelle Menschen Berliner Bühnenleinwände bevölkern. Dauert sicher noch, ist ja ziemlich teuer, sei so mancher Tanzfreund, ob Berührungssuchender oder Analysierender, ob Spieler oder Ästhet beruhigt. Einige von ihnen würden dann vielleicht den neuen Designwelten des Tanzes fernbleiben. Oder geht es vielleicht in eine ganz andere Richtung? Entdecken wir das Geschichtenerzählen wieder? Überlassen wir die neuesten Technologien ihren Jüngern, die die jeweils aktuellen Handys in ihren Gürteltaschen wie Revolver spazieren tragen? Oder nutzen wir die Technik, um nach IQ und EQ, nach analytischer und emotionaler Intelligenz, zu einer spirituellen zu finden? Spannende Zeiten.